Was haben wir gelernt vom ersten Lock-down?

von Sr. Agnes Lanfermann

 

 

Mund-Nasenschutz

  • Wir haben gelernt: die Menschen, die Mund-Nasenschutz tragen sind nicht weniger menschlich als sie es ohne Maske waren.
  • Wir haben gelernt: den Mund-Nasenschutz leichter anzunehmen und nicht mehr das Fremde im Vertrauten als unheimlich empfinden als wir beim ersten Mal mit Maske zum Friseur gingen oder mit Maske gesungen haben.
  • Wir haben gelernt: der Mund-Nasenschutz lässt auch Freundlichkeit durchblicken, ein Blick in die Augen genügt. So versuchen wir auch hinter der Maske freundlich zu sein. 
  • Wir haben gelernt: flexibler zu werden für das was hier und jetzt ansteht, auf den Moment zu achten, Planungen kurzfristig zu ändern, offener zu werden für Überraschungen und Ungewisses.

Beziehungen

  • Wir haben gelernt, uns als Mensch mit Menschen zu begegnen, indem wir Sorgen und Nöte teilen
  • Wir haben gelernt: Wir dürfen um Unterstützung anfragen. Menschen freuen sich, wenn sie uns beistehen können, etwas für uns tun können.
  • Wir haben gelernt, wir sind enger miteinander verbunden und einander zugetan als gedacht, wir sind aufeinander angewiesen mehr als zuvor.
  • Wir haben gelernt, eine neue Nähe entsteht durch gegenseitiges Geben und Nehmen beispielsweise in Quarantäne-zeiten.

Respekt und Toleranz

  • Wir haben gelernt, Erfahrungen von Angst und Befürchtungen nicht zu bewerten, sondern zuzuhören, mit Respekt nachzufragen und Toleranz zu üben, vor allem, wenn die eigenen Erfahrungen im Umgang mit Corona anders sind.

Menschsein und Menschlichkeit

  • Wir haben gelernt, Verwundbarkeit, Endlichkeit und Sterblichkeit ernster zu nehmen, die eigene und die aller Menschen.
  • Wir haben gelernt, in Verwundbarkeit, Endlichkeit und Sterblichkeit neues Potential unserer Geschöpflichkeit und Menschlichkeit zu entdecken.  Dies schafft Beziehung und macht uns zu Schwestern und Brüdern.
  • Wir haben gelernt, dass es darum geht, immer mehr „Mensch zu werden“ umso anderen menschlich begegnen zu können und Gott in jedem Menschen zu entdecken.

Solidarität

  • Wir haben gelernt, über die eigenen persönlichen und gemeinschaftlichen Erfahrungen hinaus, den Bick zu weiten für die ganze Welt, die Menschen in ärmeren Ländern, die unter den Auswirkungen stärker leiden und existentiell bedroht sind (ohne Job und täglichen Unterhalt, ohne Zugang zu medizinischer Versorgung). 
  • Wir haben gelernt, dass der Lock-down Menschen an alte Wunden erinnert von Alleingelassen, Einsamkeit, Bevormundung. Ängste zu erkranken und zu sterben werden stark. Wir sind besser darauf eingestellt, mit ihnen gut umzugehen.

Spiritualität

  • Wir haben gelernt: Es gibt keine letzte Sicherheit, die wir machen oder planen können. Wir finden Sicherheit nur in Gott, Er schenkt sie uns.  
  • Wir haben gelernt: uns der Gegenwart Gottes auf vielerlei Weise zu stellen und uns ihr gegenseitig zu vergewissern, um mit der eigenen Unsicherheit und dem Nichtwissen besser umgehen zu können.
  • Wir haben gelernt, mit Achtsamkeit über Gott zu sprechen, Fragen zu stellen die uns bewegen und keine vorschnellen Antworten bereit zu haben.
  • Wir haben gelernt: Im Gebet zu benennen was ist und wie es ist, nicht was sollte.
  • Wir haben gelernt, das Corona- Virus als Zeichen der Zeit zu erkennen und zu versuchen, dieses Zeichen von Gott her zu betrachten und zu fragen, was es uns sagen will.
  • Wir haben gelernt, authentisch zu sein im Gebet und darauf zu bauen, dass die Geistkraft Gottes uns in der Ungewissheit des Glaubens leitet und begleitet.
  • Wir haben gelernt: Kreativ zu werden und in Quarantänezeiten, gemeinsames digitales Beten zu gestalten mit einem Austausch darüber wie es uns geht und was wir neu lernen.
  • Wir haben gelernt, mit Jesus in Beziehung zu bleiben - wie auch immer – mit viel oder wenig Öl. Das lässt uns ankommen bei Ihm.
  • Wir haben gelernt, auf Gott zu warten bis dass er ‚kommt‘, ohne Erwartung einer Antwort, doch im Sinne entschiedener Gewissheit: Gott ist im Kommen. 
  • Wir haben gelernt, „offene Kirche“ zu gestalten, zu wagen, andere einzuladen zum gemeinsamen Austausch und zum Gebet in großen Kirchenräumen.
  • Wir haben gelernt zu fragen und zu debattieren, was ist wesentlich für uns, beispielsweise an der Eucharistie, an der Kirche.

Dankbarkeit

Wir haben gelernt, dankbar zu sein,

  • dass wir weiterhin zur Arbeit gehen können, während andere ihre Stellen verloren haben.
  • dass wir ein Gesundheitssystem haben, das uns aufnimmt, während die Ärmeren auf der Erde keinen Zugang zur medizinischen Versorgung haben.
  • dass wir die Möglichkeit haben, Schutzmaßnahmen einhalten zu können, während viele nicht genügend Raum haben, um Abstand nehmen zu können, zu lüften oder sich regelmäßig die Hände zu waschen.

Demut

Wir haben gelernt, demütiger zu werden, um in jeder Situation ganz präsent zu sein für das was ist ohne zu wissen, was ist. Wir haben gelernt, uns zu fragen, was Gott uns damit sagen will und entsprechend zu handeln.

Dabei zu bleiben

Wir haben gelernt: dabei zu bleiben in schwierigen Situationen, so bei den kranken obdach- und wohnungslosen Menschen. Wir brauchen wegen der Infektionsgefahr nicht von ihnen weg zu gehen. Wir sind zwar dem gleichen Grundrisiko wie die Patienten ausgesetzt, doch wir haben gelernt, damit umzugehen. Striktes Einhaltung der AHAL-Regeln und geeignete Schutzmaßnahmen ermöglichen uns, durchgehend weiter zu arbeiten und präsent zu sein, so in der ESA. 

Lernende bleiben

Wir haben gelernt: Wir müssen aufmerksam sein und lernen, das Virus und seine Dynamiken besser zu verstehen, wie es sich entwickelt, welche Auswirkungen es hat. Wir wissen es nicht im Vorhinein. Als Lernende können wir uns anpassen.

 

Agnes Lanfermann